Geschichte und Geschichten erzählen
Dezember 2009 | Meinung von Redaktion | Neue Artikel per Mail erhaltenWenn man bereits als junger Mensch den Drang verspührt, sich auf schreibende Art und Weise mitzuteilen oder einfach nur seine Gedanken zu Papier bringen möchte, liegt ein Weg, den viele über die Jugendjahre hinaus gehen, sehr nahe: das Schreiben eines Tagebuchs. Ob es Erfahrungen und wirklich Erlebtes sind, die festgehalten werden, oder ob Träume und Wünsche aufgeschrieben werden, spielt eigentlich keine vordergründige Rolle. Obwohl man ein Tagebuch in erster Linie für sich selbst schreibt, um später einmal in Erinnerungen zu schwelgen, hat sicherlich jeder einmal den Traum, dass in vielen Jahren jemand in den Aufzeichnungen schökert, sie für wertvoll oder einfach nur schön hält - und eine Vorstellung von der Person und deren Leben sowie der entsprechenden Zeitbekommt. Aufzeichnungen aus vergangenen Zeiten zu lesen, ist irgendwie eine Art von Voyerismus - aber ein wunderbarer Voyeurismus.

Viele bedeutende Personen der Zeitgeschichte haben zu ihrer Zeit Tagebuch geführt und dabei aber nicht nur eigene Absichten oder Erlebnisse niedergeschrieben, sondern auch wichtige Ereignisse ihrer Epoche festgehalten - seien diese politischer, kultureller oder wirtschaftlicher Natur gewesen. Jahre, Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte später sind diese Niederschriften ein wahrer Schatz, nicht nur aus interessensgeleiteter, sondern auch auch historischer Sicht. Aufzeichnungen von Zeitzeugen geben ein Bild und einen Einblick aus verschiedenen Epochen der Menschheitsgeschichte. Da diese natürlich einzigartig sind, wundert es kaum, dass sie in den Bibliotheken dieser Welt archiviert werden und immer nur einzelnen Interessierten zur Lektüre zur Verfügung gestellt werden können. Auch mit zunehmender Digitalisierung literarischer und biografischer Werke wird es noch eine ganze Weile dauern, bis Zeitgeschichte und persönliche Niederschriften für alle zugänglich sind.

Aber vielleicht auch nicht - schließlich leben wir in einem Zeitalter, in der Niederschreiben kein Privileg für das Papiers ist. Mit Tagtt wurde ein Projekt ins Leben gerufen, das die verschiedenen Intentionen von Tagebüchern in sich vereint: Festgehalten werden sowohl persönliche Erfahrungen, Gedanken und Erlebnisse als auch aktuelle beziehungsweise geschichtliche Ereignisse. Und festgehalten werden sie von allen, die Lust und Interesse haben, an der Erstellung eines umfassenden Zeitzeugen-Archivs mitzuwirken. Dabei können auf dem Online-Portal eben sowohl ganz persönliche als auch geschichtsträchtige, wie etwa tagespolitische, Momente veröffentlicht werden. So ist auch in Zukunft nicht nur nachvollziehbar, sondern erlebbar, was an einem bestimmten Tag geschehen ist - aber nicht nur historisch relevante Dinge, sondern eben auch persönliche und emotionale.
Die Idee, eine große Geschichte der Menschen und der Menschheit zu schreiben, ist nicht ganz neu: Mit dem Portal “Miomi” wurde vor geraumer Zeit ein ähnliches Projekt gestartet, das mittlerweile jedoch beendet worden ist - trotz eines scheinbaren großen Finanziers im Rücken. Diesen hat Tagtt nicht - umso wichtiger wird eine rege Beteiligung möglichst vieler Zeitzeugen. Wer die Seite besucht, wird schnell in vergangenen Zeiten versinken, nach bestimmten Daten, die für sich selbst eine besondere Bedeutung haben, schauen und sehen, was an jenen Tagen passiert ist. Wer sich auf der Seite registriert, kann fortan an der Weiterentwicklung des Portals teilhaben - durch eigene Beiträge, durch Interaktion mit anderen Mitgliedern, durch die Partizipation an den verschiedenen Gruppen, die es ebenfalls auf Tagtt gibt. Und ein kleines Schmankerl gibt es außerdem bei Tagtt: Für die eigene Homepage kann eine individuelle Uhr erstellt werden. Und die wiederum kann immer wieder in Erinnerung rufen, dass es vielleicht Zeit für einen neuen Tagebucheintrag ist - den man mit anderen teilen kann.
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